28.09.2022

Ukraine: Interview mit Bischof Volodymyr Hruza: "Gott ist uns sehr nahe"

In der neuen Ausgabe der KLEMENSBLÄTTER (Mai-Juni-Juli) findet sich ein Interview mit dem Weihbischof von Lemberg. Anbei ein Auszug aus diesem Beitrag zur Situation in der Ukraine.


Klemensblätter 02-2022-Titel

Bischof Ihor und Bischof Volodymyr (r.) beim Osterhochamt in Lemberg

Besuch im Flüchtlingshaus bei einem kleinen Essen

Begräbnis für einen gefallenen Soldaten

Ein Gespräch mit Bischof Volodymyr Hruza CSsR

Volodymyr Hruza ist Redemptorist und Weihbischof der Erzdiözese Lemberg (Ukraine) der griech.-ukr. katholischen Kirche. Das ist die größte Kirche im Westen der Ukraine. Bischof Volodymyr Hruza studierte in Innsbruck und schloss dieses Studium mit dem Doktorat ab. Er ist mit den Redemptoristen in Österreich sehr verbunden und war schon mehrfach auf Besuch. Auch der Erzbischof von Lviv (Lemberg) Ihor Wosnjak ist Redemptorist.

 

Herr Bischof, wo ist Gott in diesem Krieg?

Er ist uns sehr nahe. Das spüre ich. Wo Menschen in diesen Tagen ermordet werden, da wird auch Jesus ermordet. Wo Menschen würdelos verscharrt werden, da wird auch Jesus verscharrt.

 

Wo spüren Sie Gottes Nähe?

Ich spüre sie in den Krankenhäusern mit den vielen Verletzten, den sozialen Einrichtungen und vielen Pfarrgemeinden, die ich täglich besuche. Überall dort, und die Menschen miteinander stark sind und die Solidarität groß ist, da ist Gott nicht weit.

 

Fragen Sie sich nicht, warum er dem Töten kein Ende setzt?

Doch, das tue ich, oft sogar. Und ich bin nicht allein. Viele Menschen in der Ukraine fragen sich, wann dieser grausame Krieg enden wird. Ich frage Gott auch, warum er das alles zulässt. Gott will keinen Krieg. Er will nicht, dass Menschen umgebracht werden. Aber er lässt es zu, und wir versuchen, zu begreifen, was er damit will. Auch Jesus hat am Kreuz gefragt. „Mein Gott warum hast du mich verlassen?” Er wollte nicht sterben. Aber schließlich fügte er sich und steht am dritten Tag von den Toten auf. Wenn wir mit ihm diesen Weg gehen und er mit uns, dann steht auch für uns am Ende der Sieg über den Tod.

 

Gibt es Momente, in denen sie daran zweifeln?

Ja, aber es sind weniger Momente der Enttäuschung, sondern der Suche nach Antworten. Das ist ein Unterschied. Im Zweifel kann man verbittern. Man kann aber auch zweifelnd Kraft schöpfen. Viele meiner Mitarbeiter haben Angst. Aus der Kraft der Sakramente zu leben, baut sie auf. Das heißt nicht, dass der Krieg zu Ende ist. Aber man wird imstande, ihn anzunehmen. Ich hatte in den letzten Wochen viele Begegnungen. Viele Männer sind inzwischen an der Front, um das Vaterland zu verteidigen. Zurück bleiben ihre besorgten Familien. Vor zwei Tagen habe ich verwundete Soldaten im Spital besucht. Manchmal denke ich, was soll ich diesen Leuten überhaupt sagen? Ich bin ratlos. Aber dann sage ich mir, dass ich Glauben schaffe. Dass die Menschen sagen: Ja, wir wissen, wofür wir leiden. Der Mensch kann viel Leid ertragen, wenn er weiß, wofür er es auf sich nimmt.

 

Woran merken Sie persönlich, dass Gott Ihnen jetzt nah ist? 

Zu Beginn des Krieges haben viele Diplomaten unser Land verlassen. Aber Gott ist hiergeblieben. Seine Nähe schenkt mir innerliche Ruhe. Ich schöpfe Kraft aus den Sakramenten, aus dem Empfang der Kommunion. Und ich spüre seine Nähe auch in den Begegnungen und Gesprächen mit den Menschen. Ich lerne gerade sehr viel von ihnen.

 

Was denn?

Ich habe zum Beispiel mit einem Soldaten gesprochen. Fast alle seiner Kameraden sind gefallen. Auch er ist verletzt worden. Es war ein Wunder, dass er überlebt hat. Seiner Familie war schon gesagt worden, dass er tot ist. Dann ist er zurückgekommen. Ich habe mich gefragt: Wie soll ich ihn trösten? Und er hat gesagt: „Ohne Gott geht gar nichts im Leben.“ Und: „An der Front sind alle gläubig. Es gibt dort keine ungläubigen Menschen. Die Soldaten haben oft einen Rosenkranz oder eine kleine Ikone dabei, sie beten und sie bitten, dass auch andere beten.“  

 

Was erleben Sie bei Gesprächen noch?

Am Ostertag bin ich auf dem Friedhof den Verwandten gefallener Soldaten begegnet. Und beim Begräbnis eines gefallenen Soldaten habe ich mit seinen Angehörigen gesprochen. Auch da habe ich mir gedacht: „Was soll ich diesen Menschen sagen? Sie haben ihren Vater oder ihren Mann verloren. Da fehlen mir die Worte.“ Aber dann sagen sie mir sehr viel. Und ich schöpfe Kraft daraus, aus ihrer Haltung und Motivation. Sie sagen: „Ja, wir leiden, aber wir wissen, wofür wir leiden.“ Menschen können wirklich sehr viel ertragen, wenn sie wissen, wofür. Die Menschen in der Ukraine kämpfen für ihre Freiheit und ihre Zukunft, sie verteidigen ihr Land. Und sie sind sehr einig und solidarisch miteinander. Viele einfache Leute aus unseren Pfarrgemeinden kommen und kochen für Flüchtlinge. Und fragen, wie sie sonst noch helfen können. Die Flüchtlinge helfen auch selbst mit. Besonders ein Erlebnis hat mich sehr berührt.

 

Erzählen Sie!

Eine Frau ist in der Ostukraine bombardiert worden und zu uns nach Lwiw geflüchtet. Und sie hat uns Osterbrote gebracht. 

 

Einfach so?

Ja, sie hat mir gesagt: „Ich bin ins Geschäft gegangen, habe alle Osterbrote gekauft, die da waren, und will sie jetzt spenden für bedürftige Menschen.“ Sie hatte selbst nicht viel, sie hatte alles verloren. Aber sie wollte etwas geben. Das war für mich ein Zeichen dieser unglaublichen Solidarität. 

 

Wie gestaltet sich der Alltag mit den Vertriebenen?

Für viele ist Lemberg ein Transitort auf der Weiterreise nach Westeuropa. Nicht wenige kehren jetzt aber zurück in die Gebiete in der Zentral- und Ostukraine, die momentan relativ sicher sind. Sie sagen, das ist unsere Erde, wir sind hier aufgewachsen. Andere bleiben hier. Ihre Häuser sind zerstört.  Sie wollen in Lemberg eine neue Heimat finden. Die Integration wird dauern. Diese Menschen sind seelisch versehrt. Der Krieg mit Waffen wird eines Tages enden. Der Krieg in den Köpfen dagegen wird noch lange weitergehen.

 

Verspüren Sie Hass auf die russischen Invasoren?

Als Priester versuche ich, frei von Hass zu sein. Aber als Bürger eines Landes, das sich verteidigt, fühle ich eine gesunde Aggression. Wobei es wichtig ist, dass man auch im Krieg ein Mensch bleibt und nicht zum Mörder und Gewalttäter wird. Viele unserer Soldaten bezeugen das, indem sie die russischen Kriegsgefangenen human behandeln.

 

Ist es für Vergebung zu früh?

Vergebung muss immer Platz haben. Aber um jemanden vergeben zu können, sollte dieser seine Taten bereuen. Tut er das nicht, dann kann die Vergebung nicht wirken, denn man kann nicht einseitig jemandem vergeben, der nichts davon hören will.

 

Haben Sie Angst?

Ich habe nichts zu verlieren. Es ist eher so, dass ich Verantwortung für die anderen andere verspüre, für die die Erzdiözese, unsere Mitarbeiter und die Priester mit ihren Familien. Ich selber bin Ordensmann. Früher oder später stehe ich ohnehin vor Gott. Wobei ganz so einfach ist es nicht. Aber ich glaube, dass Gott mich in dieser schwierigen Zeit begleitet.

 

Was gibt Ihnen Zuversicht?

Mein österlicher Glaube, dass auf den Karfreitag noch immer der Ostersonntag gefolgt ist.

 

Bischof Volodymyr bedankte sich herzlich für die Spenden und Hilfstransporte der Redemptoristen aus Österreich: „Das ist eine großartige Solidarität – Danke!“ 

Auszug Klemensblätter 02-2022-seite 14-16.

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Von: plv-klemensblätter