21.03.2023

"Nahe" Ukraine auf dem Schönenberg

Zum ersten Jahrestag der russischen Invasion in der Ukraine predigte die Generaloberin der Missionsschwestern vom Heiligsten Erlöser in den Wallfahrtsgottesdiensten zum ersten Schmerzensfreitag.


Sr. Teodora Shulak

Generaloberin Sr. Teodrora Shulak MSsR

Schönenbergkirche

Schönenbergkirche

Schwester Teodora Shulak war zehn Jahre lang Provinzoberin für die ukrainischen Missionsschwestern vom Heiligsten Erlöser. Im Herbst 2022 wurde sie zur Generaloberin ihrer Ordensgemeinschaft gewählt. Mitte Februar übersiedelte sie für diese Funktion nach Deutschland. Umso erfreulicher war ihre Zusage, bereits am 24. Februar von ihrem neuen Wohn- und Dienstsitz in Oberbayern auf den Schönenberg zu kommen. Dort werden die Freitage in der Fastenzeit traditionell als Schmerzensfreitage mit einem morgendlichen und einem abendlichen Wallfahrtsgottesdienst gefeiert. Was lag näher, als am Jahrestag der russischen Invasion in der Ukraine den Schmerz des ukrainischen Volkes in den Mittelpunkt der Gebete und Gedanken zu stellen. Durch die Anwesenheit und die Worte von Sr. Teodora Shulak bekam dieses Thema für die Wallfahrerinnen und Wallfahrer eine besonders berührende Präsenz.

Sr. Teodora predigte über die Hoffnung in der Ukraine, aber auch darüber, wie sie die Zeit seit dem 24. Februar 2022 selbst erlebte. Sie erzählte z.B. von einer längeren Phase seelsorglicher und psychologischer Betreuung der schwer kriegsgeschädigten Beväölkerung von Tschernihiv. Ein Drittel der Wohnhäuser war zerstört, aber die Stadt selbst noch nicht erobert worden. Unter anderem traf Sr. Teodora dort eine Familie mit Kindern, die ihr Haus durch einen Bombeneinschlag verloren hatte und jetzt in einer Garage wohnte. Neben der Garage war eine blühender Gemüse- und Blumengarten angelegt. Auf ihre verblüffte Frage, wie es sein könne, dass man mitten im Krieg solch einen Garten haben könne, bekam sie zur Antwort: „Wir müssen uns unter allen Umständen für das Leben entscheiden. Die lebendigen Pflanzen erinnern daran, dass wir berufen sind, uns für das Leben zu entscheiden."

Eine andere Erfahrung, die Sr. Teodora in der Predigt mitteilte: Einer ihrer Bekannten, ein vierköpfiger Familienvater, war auf Fronturlaub in seiner westukrainischen Heimat. Ob es ihm nicht schwer falle, wieder an die Front zurückzukehren und dort sein Leben zu riskieren, wurde er von ihr gefragt. Der Familienvater verneinte. Die wichtigste Motivation für ihn sei, seine Kinder davor zu bewahren, ihre Zukunft in einem Unrechtsregime zu verbringen. Er wolle ihnen durch seinen Kampf ein Leben in Freiheit und Demokratie ermöglichen, selbst wenn er dafür sein eigenes Leben einbüßen müsse. Sr. Teodora zeigte auf, dass diese Motivation etwas mit dem christlichen Glauben und der Botschaft des Evangeliums zu tun hat. Sie erinnerte an eine Stelle aus dem Johannesevangelium: "Es gibt keine größere Liebe, als wenn jemand sein Leben für seine Freunde hingibt" (Joh 15,13). Es sei gerade die christliche Lebenshaltung, welche vielen Menschen in der Ukraine die Kraft gebe, schweres Leid zu bestehen und immer wieder neu Hoffnung zu haben.

Die Generaloberin bedankte sich ausdrücklich bei allen Anwesenden für jede Form der Unterstützung für ihr Heimatland. Den Menschen in der Ukraine bedeute es viel zu wissen, dass auf der ganzen Welt um den Frieden und die Freiheit im Land gebetet werde. Auch das erleichtere die Not und gebe Hoffnung.

Die Ansprache von Sr. Teodora Shulak in den beiden Gottesdiensten rührten die Zuhörerinnen und Zuhörer sehr. Eine Gottesdienstteilnehmerin fasste ihre Dankbarkeit für den Besuch von Sr. Teodora mit den Worten zusammen: "Die Ukraine ist uns dadurch sehr nahe gerückt."


Von: Martin Leitgöb