27.11.2021

Advent - Warten auch das Kommen Gottes

Brief von Provinzial Pater Edmund Hipp zur Adventzeit und kommenden Weihnacht.


Advent -Stille - Pillersee/Tirol (Kitzbühel)

Der Beitrag erschien in den KLEMENSBLÄTTER - Ausgabe 4-2021/seite 4+5.

 

Liebe Freunde der Redemptoristen!

Mit dem ersten Adventssonntag stehen wir wieder am Beginn eines neuen Kirchenjahres. Und wie jedes Jahr versteht sich der Advent als Vorbereitungszeit auf das Geburtsfest des Gottessohnes und lenkt unseren Blick auch auf sein noch ausstehendes zweite Kommen am Ende der Zeiten.

Im Credo bekennen wir Sonntag für Sonntag unseren Glauben an die Wiederkunft Christi in Macht und Herrlichkeit. Und auch der Priester betet nach dem Vater unser in der Messe: „Bewahre uns vor Verwirrung und Sünde, damit wir voll Zuversicht das Kommen unseres Erlösers Jesus Christus erwarten.

Der Advent wurde früher zumindest als eine stille Zeit im Jahr begangen. Zwar gilt die Adventszeit nicht mehr als Bußzeit, doch das Violett des Messgewandes und auch der Verzicht auf das Gloria an den Adventssonntagen weist auf einen ernsteren Charakter des Advents  hin als Zeit der Erwartung. Spüren wir in den adventlichen Tagen überhaupt etwas davon?

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass diese sogenannte „Stille Zeit“ noch hektischer und stressiger ist als sonst. Vorweihnachtlicher Trubel, kein Kaufhaus ohne Weihnachtslieder, kaum eine Stadt ohne Weihnachtsmarkt. Und zu Hause nehmen einem die Vorbereitungen auf Weihnachten in Beschlag: Plätzchen backen, Weihnachtspost, Geschenke besorgen. Der übliche Weihnachtsstress! Man möchte den Menschen zurufen: Halt an, wo läufst du hin?

Achtsam auf das Kommen Gottes in diese Welt kann ich nur sein, wenn ich aus der Hektik zur Ruhe, zur Stille finde. Eine Geschichte von Willi Hoffsümmer (Die Erfahrung der Stille):

„Zu einem einsamen Mönch kamen eines Tages Menschen. Sie fragten ihn: „Was für einen Sinn siehst du in deinem Leben der Stille?“ Der Mönch war eben beschäftigt mit dem Schöpfen von Wasser aus einer tiefen Zisterne. Er sprach zu seinen Besuchern: „Schaut in die Zisterne!  Was sehr ihr?“ Die Leute blickten in die tiefe Zisterne. „Wir sehen nichts.“ Nach einer kurzen Weile forderte der Einsiedler die Leute wieder auf: „Schaut in die Zisterne! Was seht ihr?“ Die Leute blickten wieder hinunter. „Ja, jetzt sehen wir uns selber!“ Der Mönch sprach: „Schaut, als ich vorhin Wasser schöpfte, war das Wasser unruhig. Jetzt ist das Wasser ruhig. Das ist die Erfahrung der Stille, das ist der Wert des Schweigens. Du siehst den Himmel. Du siehst dich selbst. Du blickst wieder durch und siehst klarer.“ Als der Mönch das Wasser schöpfte, war es in Bewegung, in Unruhe. Erst als das Wasser ruhig war, spiegelte es den Himmel und die Leute sahen sich selbst.

Wenn ich selber zur Ruhe komme, vermag ich besser auf Gott hören, auf sein Wort. Denn Gott kommt nicht mit Pauken und Trompeten zu uns, sondern im leisen Säuseln des Windes, wie es Elija am Berg Horeb erfahren hat. So kam der Sohn Gottes nicht in einer der Metropolen der damaligen Zeit zur Welt, nicht in Rom, Jerusalem, Ale­xandrien - sondern in einem entlegenen Ort des Römischen Reiches. Der Sohn Gottes kam nicht aus einer mächtigen Herrscherdynastie oder Priester­kaste, er wuchs nicht im Palast oder Tempel auf, sondern er war Kind einer einfa­chen Handwerkerfa­milie.

Das Wunder der Menschwerdung

Unser Ordensgründer, der heilige Alfons, hat sich über das Herabsteigen Gottes zu uns Menschen nicht genug wundern können. Gott wird Mensch – der Große wird klein, der Herr wird Knecht, der Starke schwach. Gott hat sich das Leben eines Menschen angetan, mit allem, was dazu gehört. Und warum? - Allein aus Liebe zu uns. So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn für sie hingab (Joh 3,16). Gott schenkt uns seinen Sohn!

Gott ist so sehr Liebe, dass wir Menschen ihm alles andere als gleichgültig sind. Wir liegen ihm am Herzen. Gott neigt sich dem Menschen zu, er steigt, ja er springt zu uns herab, eine Vorstellung, die dem Buch der Weisheit entstammt: „Als tiefes Schweigen das All umfing, da sprang dein allmächtiges Wort vom Himmel, vom königlichen Thron herab …“ (Weish 18,14f.) Aus tiefer Liebe heraus hat Gott sich eingelassen auf die Wirklichkeit Mensch! Er begibt sich in unsere irdi­sche Begrenztheit, wird solidarisch mit uns Men­schen, nimmt menschliche Grenzer­fahrungen wie Dunkelheit, Ängste, Einsamkeit, Trauer, Leid, Schmerz und den Tod auf sich, damit es für uns leichter ist, Mensch zu sein und dieses Menschsein mit all seinen Fragen auszuhalten. Weihnachten heißt: Gott verändert seinen Stand­punkt und schlägt sein Zelt auf unter uns Men­schen! Und das Evan­gelium des ersten Weih­nachtsfeiertages wird uns erinnern: „Er (Gott) kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. Allen aber, die ihn aufnah­men, gab er Macht Kinder Gottes zu werden“ (Joh 1,11-12). Weihnachten heißt also auch: Nimm sein Ge­schenk der Liebe an und schenke Gott Raum in deiner Welt! 

Ihnen allen wünsche ich eine besinnliche Adventszeit und ein gesegnetes und friedvolles Weihnachtsfest!

P. Edmund Hipp, Provinzial

 


Von: klemensblätter-