Mittwoch, 8.09.2010

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1. August 2010: 18. Sonntag im Jahreskreis (C)

Lesungen

Liturgie

Kontexte

Predigtgedanken von Max Angermann: Was brauchen wir zum Leben?

Predigtgedanken von Emmerich Beneder: Jedermann


Kontexte


Am Strande


Heute sah ich wieder dich am Strand
Schaum der Wellen dir zu Füßen trieb
Mit dem Finger grubst du in den Sand
Zeichen ein, von denen keines blieb.

Ganz versunken warst du in dein Spiel
Mit der ewigen Vergänglichkeit,
Welle kam und Stern und Kreis zerfiel
Welle ging und du warst neu bereit.

Lachend hast du dich zu mir gewandt
Ahntest nicht den Schmerz, den ich erfuhr:
Denn die schönste Welle zog zum Strand,
Und sie löschte deiner Füße Spur.


Aus: Marie Luise Kaschnitz, Gedichte. Bibliothek Suhrkamp, Suhrkamp Verlage, Frankfurt am Main 1975.


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Schnitterlied


Wir schnitten die Saaten, wir Buben und Dirnen,
Mit nackenden Armen und triefenden Stirnen,
Von donnernden dunkeln Gewittern bedroht -
Gerettet das Korn! Und nicht einer, der darbe!
            Von Garbe zu Garbe
            Ist Raum für den Tod -
Wie schwellen die Lippen des Lebens so rot!

Hoch thronet ihr Schönen auf güldenen Sitzen,
In strotzenden Garben umflimmert von Blitzen -
Nicht eine, die darbe! Wir bringen das Brot!
Zum Reigen! Zum Tanze! Zur tosenden Runde!
            Von Munde zu Munde
            Ist Raum für den Tod -
Wie schwellen die Lippen des Lebens so rot!


Aus: Conrad Ferdinand Meyer, Gedichte. Ausgewählt von Rüdiger Görner. Insel Taschenbuch, Insel Verlag Franzfurt am Main und Leipzig 1998.


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Beschreibung einer Rauchfahne


(Kaddisch)


Vor dir liegen die Trümmer deines Glückes,
die verblichene Erinnerung an alle,
deren Herz der Tod verwundet hat.
Hinter dir der Chor der Blumen.

Komm zu mir, mein Freund,
komm aus der Asche ins Licht, in die Talkshow.
Zwischen Preisträgern und Präsidenten
erklären wir uns die geschlossenen Augen,
das gebrochene Herz deines Lieblings.
Vor dir liegen die Trümmer deines Glückes,
Reden am Sonntag, Dichter, denen Gold sagt,
was du leidest, und die den Baum des Lebens schütteln.
Jedes Wort gewogen.

Komm aus den Streifen, den Striemen,
komm ans Buffet, mein Freund, wo Sakkos klingeln
und die Lieben in seliger Verklärung weilen,
Frieden senden den Sorgenbeladenen
und den trauernden Töchtern und Söhnen Brot.
Nimm einen Wein oder zwei, nimm Austern
für Auschwitz, laß dir deinen Schmerz erklären
und unseren dazu, das Gas vor laufender Kamera.
Ein neuer Redner wettert, vermißt das Entsetzen,
und hinter ihm der Chor der Blumen, kleine weiße Kehlen
aus Licht: Geschlechter blühen und vergehen. Blühen
und vergehen. Jede Zeile trägt sich selbst.
Nur du stehst in der Asche, mein Freund, und schüttelst
den Baum des Todes. Nur du bleibst im Schatten
dieses Gedichts, und deine Hand fährt über die Stirn,
die geschlossenen Augen des Lieblings - sanft
wie Wind, wie ein Hauch
über Asche.

Für Samuel und Markéta Rothmann


Aus Ralf Rothmann, Gebet in Ruinen. Gedichte Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2000.


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wachstum


herr
rufe deine namen laut und deutlich
denn hier auf dem globalen markt
versteigert man jeden
der schweigt
hier ist man bestrebt
den tod mit der vermehrung zu besiegen
das gluck mit Berechenbarkeit zu toppen
die wolken durchzunumerieren
die tauben gurrunfähig zu züchten
und das wachstum der bäume zu optimieren


Aus: Said, Psalmen. C.H. Beck Verlag, München 2007.


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Warum?


Ja, das frag dich mal ruhig:
Warum ich trotzdem an dich glaube?
Du gibst mir nicht viel Anlass dazu,
du verweigerst dich eher
und wirbst nicht gerade um mein Vertrauen.
Ich weiß nur manchmal einfach nicht,
was mir anderes übrig bleibt,
als mich nach dir zu sehnen.
Wo fände ich sonst meine Ruhe?


Aus: Thomas Weiß, Hörst du mein Schweigen? Gebete der Sehnsucht. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2008.


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Heiliger Sabbat


Gedenke des Sabbats, dass du ihn heiligst (2. Mose 20,8), sagt die Bibel, und das ist eine fundamentale Kritik an dieser Erstarrung des Lebens, an der Routine, an der Vergleichgültig-ung. Falsch ist nicht nur unser Verhältnis zur Arbeit, weil es verdinglicht ist und wir Arbeit mit Lohnarbeit gleichsetzen, falsch ist auch unsere Freizeit, weil sie nicht zum Sabbat wird, nicht "gedenkt" und der Hoffnung nicht eine Gestalt gibt. "Gedenke des Sabbats" bedeutet eine Weigerung, das Geläufige zu tun. Der Sabbat ist eine große Geste der Selbstunterbrechung.

Ich denke an die Art, wie der Sabbat im jüdischen Stet' in Osteuropa gefeiert worden ist. Es war eine Welt von unvorstellbarer Armut, von Schmutz und Kälte, Hunger und Elend. Aber die Königin Sabbat kam und unterbrach das Übliche, das Normale. Ein weißes Tischtuch wurde in der kleinsten, schmutzigsten Hütte ausgebreitet, die Sabbatkerzen angezündet. Die Frauen legten den Schmuck, der nur in äußersten Notfällen verpfändet wurde, an. Der Arme tut, als sei er reich, der von Sorgen zu Boden Gedrückte richtet sich auf und sorgt sich nicht. Der und vor allem die hart Schuftende unterbricht den Alltag der Arbeit. Und ruht und gedenkt und erinnert sich, was ein Mensch ist: Sohn und Tochter des Höchsten, wie der Psalm sagt, wenig niedriger als Gott, mit Ehre und Schmuck gekrönt (Psalm 8, 6). Den Sabbat feiern bedeutet, feierlich sich selber zu unterbrechen, den zwanghaft gewordenen Kreislauf zu verlassen, ein Halt sagen der Selbstwiederholung gegenüber.


Aus: Dorothee Sölle, Mut. Kämpfe und liebe das leben. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2008.


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"Das kann doch nicht alles gewesen sein ...?


Seit zwei Jahrzehnten gibt es in den Vereinigten Staaten Firmen, die ihren Kunden die Möglichkeit anbieten, sich nach dem Tod einfrieren zu lassen. Das kostet eine Stange Geld und das gesamte Erbe. Der Kunde wird Mitglied in einem Kreis von Gleichgesinnten. Unmittelbar nach seinem Tod konserviert ein firmeneigenes Ärzteteam den Körper fachgerecht und lagert ihn in einem mit flüssigem Helium gefüllten Behälter - atombombensicher! Sobald der Stand von Wissenschaft und Technik es erlaubt, soll er wiederbelebt werden.

Viele werden das als dreiste Geldschneiderei abtun, als Spinnerei von Leuten, die keine anderen Sorgen und Geld genug haben, um sich das leisten zu können. Immerhin verfolgen sie ihr Anliegen mit heiligem Ernst. Verständlicherweise, denn dahinter steckt der uralte Menschheitstraum vom ewigen Leben. Neu und für die gegenwärtige Kultur kennzeichnend ist allein die Zuversicht, dieser Traum sei nun endlich mit Hilfe der Wissenschaft zu verwirklichen.

Mit solchen Gedanken stehen die Anhänger der Kryogenisation nicht allein. Viele Menschen hoffen, die Genforschung werde schon bald den Prozess des Alterns drastisch verlangsamen oder ganz aufhalten. Vordenker im Bereich der Computertechnologie verkünden, in Zukunft könne jeder Mensch in Form eines Programms gespeichert und dann immer wieder aktiviert werden. Marvin Minsky, einer der Protagonisten der Erforschung künstlicher Intelligenz, spricht ungeschminkt davon, durch den Cyberspace den Menschen endlich von der "blutigen Schweinerei der organischen Materie" befreien zu können. Das läuft vom Ansatz her ziemlich genau auf das Gegenteil dessen hinaus, was die Kryogenisation zu verwirklichen sucht: hier die Konservierung des Körpers, dort seine Überwindung, hier die Wiederbelebung des Individuums, dort seine Virtualisierung. In beiden Fällen jedoch geht es darum, mit modernster Technologie eine alte Idee in die Tat umzusetzen.

Es mag erstaunen, in der postmodernen Kultur Gedanken zu begegnen, die schon bei den alten Griechen geläufig waren: einerseits der Primat der Materie, andererseits der Primat des Geistes. Noch bemerkenswerter ist, wie einhellig sich die Frage durchhält, auf die sie sich beziehen. Sie lautet: Was bedeutet für den Menschen der Tod? So tiefgreifend sich die Welt seit den Anfängen der Menschheit geändert hat - diese Frage ist geblieben.

Wer im ältesten Epos der Kulturgeschichte liest, wie Gilgamesch um seinen toten Freund trauert, fühlt unmittelbar mit ihm. Mehrere tausend Jahre trennen uns von dieser Erzählung. Dennoch verstehen wir sofort, weshalb die Todeserfahrung Gilgamesch antreibt, fortan nach Unsterblichkeit zu suchen. Offenbar bewegt uns das gleiche Motiv: Wir wollen wissen, ob es ein Kraut gibt, das gegen den Tod gewachsen ist. Gilgamesch findet das Wundermittel tatsächlich. Aber er verliert es wieder. Darum bleibt die Unsterblichkeit den Göttern vorbehalten.

Gibt es einen Weg von dieser Welt in die Welt der Götter? Der platonische Gedanke von der Unsterblichkeit der Seele bejaht das. In die gleiche Richtung weisen die pythagoräische Lehre von der Seelenwanderung und die hinduistischen Varianten der Reinkarnationslehre, die inzwischen in unseren Breiten immer mehr Anhänger findet. Andere sprengen sich im "Heiligen Krieg" freiwillig in die Luft, um ihre Feinde zu töten, vor allem aber, um den Weg in das Reich der Seligen abzukürzen. Wieder andere waren und sind überzeugt, mit dem Tod kehre der Mensch in den Kreislauf der Natur zurück. Darum setzen sie seine Asche im Wurzelgrund von Bäumen bei und sprechen von Waldesruh und Friedwald, sie versenken sie ins Meer oder verstreuen sie in alle vier Winde. Andere sagen, wir alle seien Sternenkinder, geboren vor Jahrmilliarden im Staub einer fernen Galaxie, ein winziges Element im gewaltigen "Stirb und Werde" des Kosmos.


Aus: Franz Kamphaus, Die Welt zusammenhalten. Reden gegen den Strom. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2008.


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