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17. Februar 2010: Aschermittwoch (A/B/C)
Predigtgedanken von Hans Hütter: Eine Zeit der Stille und der Reflexion
Kontexte
Seelen-TÜV
zum Kern vordringen
prüfen ob
die Ehrlichkeit ehrlich
der Fuß geerdet
das Bild real
die Offenheit offen
nicht verführbar sein
für Projektion Ideologie
Geltungssucht Rechthaberei
Übertreibung
kein seichter Talkshowmaster werden
den so genannten Großen schmeichelnd
nicht devot Ruf und Mammon folgen
und Begegnungen
zu Seifenopern
verkommen lassen, ach nein
mit Tiefe denken reden
gelassen altern
einfach aufrichtig schlicht
die kleinen Kreise ziehn
die Not und Sorge
im eigenen Quadratkilometer
erkennen wollen
hilfsbereit Hand anlegen
ohne Aufhebens
das Gold der Stille schätzen lernen
schillernd aus trübem Alltag
Feste machen
und Sekunden für die wahren
Wunder halten
Aus: Iris Mandl-Schmidt, Schaff meinen Gedanken einen Weg. Gebete ins Konkrete. Matthias-Gründewald-Verlag Mainz 2001.
Stille lass min finden
Stille lass mich finden, Gott, bei dir.
Atem holen will ich, ausruhn hier.
Voller Unrast ist das Herz in mir,
bis es Frieden findet, Gott, in dir
Lassen will ich Hast und Eile,
die mein Tagewerk bestimmen,
die mich ständig weitertreiben.
Innehalten will ich, rasten.
Will vergessen, was die Augen,
was die Sinne überflutet,
diese Gier: Das muss ich sehen.
Ruhen sollen meine Augen.
Lassen will ich alles Laute,
das Gerede und Getöne,
das Geschrei und das Gelärme.
Schließen will ich Mund und Ohren.
Will vergessen meine Sorgen:
Was ist heut und was wird morgen?
Ich bin ja bei dir geborgen,
du wirst allzeit für mich sorgen.
Stille lass mich finden, Gott, bei dir.
Atem holen will ich, ausruhn hier.
Voller Unrast ist das Herz in mir,
bis es Frieden findet, Gott, in dir.
Aus: Lothar Zenetti, Sieben Farben hat das Licht. Worte der Zuversicht. Matthias-Grünewald-Verlag 2006.
Allerhand Ärger
Ein Schritt genügt, schon löst sich die Lawine.
Der Satte kann sich an den Hunger nicht erinnern.
Am Radarschirm verschwindet die Maschine.
Der Penner hält nicht viel von den Gewinnern.
Ein Sonntagskind stellt sich der Polizei -
man weiß oft nicht wohin mit solchen Spinnern -
und ruft erleichtert aus dem Knast: Ich bin so frei!
Der Terrorist ist stolz auf das Erreichte.
Im Märchen kocht und kocht der süße Brei.
Ein Kinderschänder freut sich auf die Beichte.
So mancher Sittenwächter murmelt vor sich hin:
Ein bißchen Kokain, das ist es, was ich bräuchte,
weil ich mit meinen Nerven völlig fertig bin.
Im Altersheim verdämmern sanft Athleten,
ans Bett gefesselt von der Pflegerin.
Im Aufsichtsrat wird um das letzte Wort gebeten.
Der starke Mann verkriecht sich, und der schwache
macht Krach. Es wimmelt von Propheten.
Der Schläfer schnarcht und träumt von seiner Rache.
Was denkt der Regisseur, verzieht er keine Miene?
Nur keine Angstlust, sagt er, keine Panikmache!
Und er stellt fest: Das alles ist Routine.
Aus: Hans Magnus Enzensberger, Die Geschichte der Wolken. 99 Meditationen, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2003.
Der Mut zur Stille
Der gegenwärtige Mensch ist eine einzige Übertreibung. Er wuchert. Er greift in alle Richtungen. Er gibt das Äußerste und erreicht doch nicht das Innerste. Nicht nur der modern-übertriebene Lebensstil der Reizüberflutung und des Infosmogs verursacht dies. Ebenso die gesellschaftliche Grundausrichtung, die die Sinnfindung für Fortschritt und Wachstum opfert, fordert und befördert die zunehmende Orientierungslosigkeit. Steigende Anforderungen der multimedialen Beschleunigungsgesellschaft führen zu krankmachenden Dauerbelastungen. Chronische Überspannungen sind an der Tagesordnung. Unser Leben ist oft wie ein voll gestopfter Koffer, der aus den Nähten zu platzen droht.
Äußerlich wächst der Aktionsraum des Menschen, doch innerlich scheint er zu schrumpfen. Er weiß mit sich nichts mehr so recht anzufangen. Er entgleitet sich in den zahlreichen Optionen. Es gibt für ihn keine sammelnde Mitte mehr, alles zerfließt im Vielen und Amorphen. Die Fliehkräfte lassen im Inneren eine Leere entstehen, das »innere Ausland«, zu dem immer weniger einen lebendigen Kontakt haben.
Das flüchtige Ich
In einem kleinen Gedicht des Schriftstellers Thomas Brasch drückt sich ein weit verbreitetes Lebensgefühl aus:
Was ich habe, will ich nicht verlieren, aber
wo ich bin, will ich nicht bleiben, aber
die ich liebe, will ich nicht verlassen, aber
die ich kenne, will ich nicht mehr sehen, aber
wo ich lebe, da will ich nicht sterben, aber
wo ich sterbe, da will ich nicht hin:
Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.
Thomas Brasch
Aus diesem Gedicht sprechen: Verlustangst, Bindungsangst, Überdruss, schwache Belastbarkeit, Nichtbleiben-können und Nichtaushaltenkönnen. Das Subjekt ich ist der ständige Dreh- und Angelpunkt in einem Leben mit vielen Aber.
Das jedoch mündet in den paradoxen Satz: »Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.« Darin zeigt sich eine Suche nach Halt in einer Ungeborgenheit, der man entfliehen will und in der man doch zugleich bleiben will.
Der Mensch ist ein verunsicherter Pilger ohne Ziel geworden. Im Wirtschafts- und Soziologendeutsch: Er ist flexibel, mobil und global. Er sucht und jagt. Er übertreibt. Es fehlt die Mitte. Sie kann er nicht finden. Sie will er möglicherweise gar nicht finden!
Hat es der abgründige Seher-Philosoph Friedrich Nietzsche in seinen »Unzeitgemässen Betrachtungen« nicht sehr genau auf den Punkt gebracht:
»Wir wissen es alle in einzelnen Augenblicken, wie die weitläufigsten Anstalten unseres Lebens nur gemacht werden, um vor unserer eigentlichen Aufgabe zu fliehen, wie wir gerne irgendwo unser Haupt verstecken möchten, als ob uns dort unser hundertäugiges Gewissen nicht erhaschen könnte, wie wir unser Herz an den Staat, den Geldgewinn, die Geselligkeit oder die Wissenschaft hastig wegschenken, bloß um es nicht mehr zu besitzen, wie wir selbst der schweren Tagesarbeit hitziger und besinnungsloser frönen, als nötig wäre um zu leben: weil jeder auf der Flucht vor sich selbst ist; allgemein auch das scheue Verbergen der Hast, weil man zufrieden scheinen will und die scharfsichtigeren Zuschauer über sein Elend täuschen möchte, allgemein das Bedürfnis nach neuen klingelnden Wort-Schellen, mit denen behängt das Leben etwas Lärmend-Festliches bekommen soll ... Es geht geisterhaft um uns zu, jeder Augenblick des Lebens will uns etwas sagen, aber wir wollen diese Geisterstimme nicht hören. Wir fürchten uns, wenn wir allein und stille sind, dass uns etwas in das Ohr geraunt werde, und so hassen wir die Stille und betäuben uns durch Geselligkeit.«
Aus: Ludger Schulte, Gott suchen - Mensch werden. Vom Mehrwert des Christseins. Herder Verlag, Freiburg Basel Wien 2006.
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