Freitag, 30.07.2010
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24. Januar 2010: 3. Sonntag im Jahreskreis (C)
Predigtgedanken von Manfred Wussow: Hoch verehrter Theophilus
Predigtgedanken von Martin Güttner: Die Sendung des Leibes Christi
Die Sendung des Leibes Christi
Körperkult und Körperwelten
Schwestern und Brüder in Christus! - Darf ich Sie heute noch so anreden, oder empfinden Sie eine solche Anrede schon als Provokation? Darf ich noch von Schwestern und Brüdern sprechen in einer Zeit und Gesellschaft, in der jeder mit jedem in einem Konkurrenzverhältnis steht, sei es am Arbeitsplatz oder in der Freizeit? Und nun die schwierigste Anfrage: darf ich heute noch von Schwestern und Brüdern in Christus sprechen? Ist das nicht schon eine Vereinnahmung des Einzelnen, ein Angriff auf seine Selbständigkeit und individuelle Freiheit, die heute doch so groß geschrieben wird?In Christus sein, Leib Christi sein, ein Bild, das so gar nicht mehr in unsere Zeit zu passen scheint, obwohl Körperkult und Körperkultur nicht zu übersehende Merkmale unserer Epoche sind. Da werden Modellkörper kreiert, prämiert und auf den Laufstegen der Welt zur Schau gestellt, da bilden sich ganze Industriezweige um den Bereich der Körperpflegemittel und Fitnessprodukte. Um Körperwelten ging es auch in einer Ausstellung, deren Werbeplakate in vielen Städten zu sehen waren: Ein Körper, bestehend aus Skelett, Sehnen, Muskeln und Organen, trägt locker, wie eine Jacke über die Schulter geworfen, seine eigene Haut zu Markte. Menschliche Körper werden seziert, plastifiziert und dann zur Schau gestellt, eine Ausstellung zwischen Wissenschaft, Kunst und moderner Leichenfledderei. Doch an Menschen, die testamentarisch ihren Körper zur Verfügung stellen, mangelt es nicht. Wollen sie so dem Tod ein Schnippchen schlagen, vielleicht sicherstellen, dass man auch nach dem Tod noch an sie denkt und über sie spricht?
Einheit von Leib und Seele
Auch in der heutigen Lesung geht es um Körperwelten, aber nicht um die Mumifizierung oder Plastifizierung toter Zellen, um sie anschließend zu vermarkten, dem Völkerapostel Paulus geht es um die Beschreibung eines lebendigen Leibes. Hier liegt der erste Unterschied: Nicht das herausschneiden von einzelnen Körperteilen ist sein Ziel, sondern der Blick auf die Einheit von Leib und Seele. Diese Leib-Seele-Einheit wird für Paulus zum Bild unserer Christus Beziehung. Es geht ihm um unsere Teilhabe, um unseren Anteil aber auch um unsere Aufgabe in diesem lebendigen Organismus, dem Leib Christi. Und Paulus entwickelt vier Kriterien, die diese Einheit des Leibes Christi sichern:"Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einem einzigen Leib aufgenommen, Juden und Griechen, Sklaven und Freie, und alle wurden wir mit dem einen Geist getränkt." Der Heilige Geist ist also der genetische Fingerabdruck, der uns als Glieder des einen Leibes Christi ausweist. Dieser Heilige Geist ist es, der entgrenzend wirkt, indem er die trennende Funktion von Grenzen überwindet. Wenn es aber das Grundanliegen des Heiligen Geistes ist, zu entgrenzen und das getrennte zusammenzuführen, so muss es auch unser Grundanliegen werden, sind wir doch in der Taufe mit diesem einen Geist getränkt worden.
"Wenn der Fuß sagt: Ich bin keine Hand, ich gehöre nicht zum Leib!, so gehört er doch zum Leib." Minderwertigkeitsgefühle, die Angst nicht so zu sein, wie die anderen, zählen nicht, sie dürfen nicht zum Selbstausschluss, zur eigenen Abgrenzung führen. Der Heilige Geist, der entgrenzt und zusammenführt, er ist es auch, der einlädt und integriert. Jesus stellt uns hier nicht nur das Gleichnis vom barmherzigen Vater vor Augen, der dem verlorenen Sohn entgegeneilt und ihn in den Arm nimmt, auch das Beispiel des guten Hirten, der dem ausgebüchsten oder verlorenen Schaf nachgeht, um es zu schützen und ihm zu helfen den Heimweg zu finden.
"Der Kopf kann nicht zu den Füßen sagen: Ich brauche euch nicht. Im Gegenteil, gerade die schwächer scheinenden Glieder des Leibes sind unentbehrlich." Hier in diesem dritten Kriterium auf dem Weg der Einheit geht es also um eine grundsätzliche Begrenzung von Macht und Herrschaft. Kein Glied im Leib Christi hat das Recht einem anderen Glied die Zugehörigkeit abzusprechen, denn es ist der eine Geist, der beide durch die Taufe in den einen Leib eingefügt hat.
"Gott aber hat den Leib so zusammengefügt, dass er dem geringsten Glied mehr Ehre zukommen ließ, damit im Leib kein Zwiespalt entstehe, sondern alle Glieder einträchtig für einander sorgen." Was wir heute mit der Option für die Armen umschreiben, hat hier seine Wurzeln, denn das, was innerhalb des Leibes Christi gilt, das kann auch nach außen nicht ohne Wirkung bleiben. Die Bejahung, die Annahme jedes Einzelnen als Glied im Leib Christi ist Bedingung und Ausdruck der einträchtigen Sorge für einander.
Die Sendung des Leibes Christi
Dieser Zusammenhang von Einheit in der Vielfalt innerhalb des Leibes Christi und der Sendung, den Armen und Schwachen die gute Nachricht zu bringen, wird im heutigen Evangelium deutlich. Zu Beginn des Evangeliums verweist Lukas auf den genetischen Fingerabdruck: "erfüllt von der Kraft des Geistes kehrt Jesus nach Gallilea zurück." Vorausgegangen war die Taufe Jesu am Jordan und die Versuchung in der Wüste. Der Heilige Geist ist es, der uns als Glieder des Leibes Christi ausweist, derselbe Geist ist es, der hier den Leib Christi selbst erfüllt. So kann Jesus in der Synagoge von Nazareth den Propheten Jesaja zitieren: "Der Geist des Herrn ruht auf mir, denn der Herr hat mich gesalbt."Die Einheit zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist, bei Jesu Taufe durch den Vater bezeugt: "Dies ist mein geliebter Sohn, an ihm habe ich Gefallen gefunden", wird nun durch den Sohn ins Wort gebracht.
Doch was innerhalb dieser Einheit zwischen Vater, Sohn und Geist gilt, das kann auch nach außen nicht ohne Wirkung bleiben. So fährt Jesus folgerichtig fort: "Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe, den Gefangenen Befreiung, den Blinden das Augenlicht, ein Gnadenjahr des Herrn. Und heute hat sich das alles erfüllt."
Was aber für Jesus Sendung und Auftrag ist, das kann dem Leib Christi nicht gleichgültig sein. Und hier kommt die Kirche ins Spiel, ist sie doch und mit ihr jeder getaufte Christ sichtbarer Ausdruck des Leibes Christi. Jeder Christ hat sich an diesen Kriterien zu messen, gelten sie nun für den Innenraum des Leibes Christi oder für seine Sendung in die Welt. Eine entgrenzende und Grenzen überwindende, eine offene und einladende Kirche, eine Kirche, die auf Macht und Herrschaft verzichtet, um sie durch den Dienst an und die Sorge füreinander zu ersetzen, eine Kirche, die sich verwirklicht in der Annahme eines jeden Einzelnen, solch eine Kirche bringt auch den Armen die gute Nachricht vom schon angebrochenen Reich Gottes.
Paulus fasst diese Kriterien noch einmal in einer eindringlichen Zusage zusammen: "Ihr aber seid der Leib Christi, und jeder einzelne ist ein Glied an ihm." Bei der Kommunion heißt es: Leib Christi, der Heilige Augustinus deutet diese beiden Worte so: "Empfange, was du bist, Leib Christi und werde, was du empfängst, Leib Christi. Und auf diese Zusage verbunden mit dem Auftrag, die gute Nachricht den Armen zu bringen, antworte ich mit: "Amen, ja, das will ich, so soll es sein."
Copyright 2010 Martin Güttner
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