
Turmfalken in Maria am Gestade
Zu einer spektakulären Aktion kam es kürzlich bei unserer Wiener Kirche Maria am Gestade. Eine Biologin holte mit Hilfe der Wiener Feuerwehr kleine Turmfalkenkücken aus ihrem hoch gelegenen Nest, um sie zu untersuchen und anschließend wieder in ihre Behausung zurückzubringen.
Eine junge und engagierte Biologin, Petra Sumasgutner, beschäftigt sich seit einiger Zeit mit der Erforschung der in der Stadt Wien am häufigsten vorkommenden Greifvogelart, den Turmfalken. Im Rahmen eines Dissertationsprojekts untersucht sie das Nist- und Brutverhalten, das Nahrungsspektrum und die Nahrungsstrategien sowie ganz allgemein die Lebensbedingungen dieser Vögel im Kontext der Großstadt. Im Rahmen ihrer Forschungsarbeiten kam es kürzlich (Donnerstag, 17.06.2010) zu einer spektakulären Aktion vor der Südfassade der ältesten Marienkirche Wiens, Maria am Gestade. Seit vielen Jahrzehnten nistet in einer an einem gotischen Fassadenpfeiler gelegenen kleinen Nische jeweils ein Turmfalkenpärchen. Mit Hilfe einer ausfahrbaren Leiter der Wiener Feuerwehr holte Petra Sumasgutner nun die vor gerade erst zwei Wochen geschlüpften Jungen - insgesamt vier an der Zahl - aus ihrem etwa 30 Meter hoch gelegenen Nest, um sie mit kleinen Fußringen zu versehen. Die Ringe seien, so die Biologin, wie ein Adressschild, um später die Herkunft der Falken genau feststellen zu können, auch wenn diese sich andere Nist- und Brutplätze gesucht haben. Ebenfalls wurde von Sumasgutner das momentane Gewicht der kleinen tierischen Bewohner von Maria am Gestade festgestellt. Der Schwerste wog 109 Gramm. "Wenn er einmal doppelt so viel an Gewicht hat, dann wird er seine ersten Flugversuche wagen. Das wird in voraussichtlich zwei bis drei Wochen der Fall sein", erklärte Sumasgutner. Anschließend an die Beringung und Gewichtsfeststellung wurden die kleinen Tiere dann wieder zurück in ihr Nest gebracht.
In Maria am Gestade wurde die hochgelegene Nische bei der letzten Außenrenovierung der Kirche bewusst erhalten. Selbst bauen Turmfalken nämlich keine Nester, sie nützen das, was da ist. Die Tiere leben in dem ruhig gelegenen Gestadeviertel der Wiener Innenstadt offensichtlich besonders gern. Immer wieder sieht man sie ausfliegen, und häufig hört man auch ihren charakteristischen Schrei. Die Bewohner der Umgebung haben sich ebenso an die Vögel gewöhnt, wie sich diese gut in das Ökosystem rund um die Kirche integriert haben. Ganz sicher ginge vielen Nachbarn und natürlich auch den Redemptoristen von Maria am Gestade ohne die Turmfalken etwas an ihrer Kirche ab. Es ist faszinierend zu beobachten, wie die Greifvögel ihre Schwingen ausbreiten und weite Runden ziehen, etwa bis zum Stephansdom und darüber hinaus. Irgendwie sind die Falken auf einer schöpfungstheologischen Ebene ein Zeugnis dafür, dass eine Kirche wie Maria am Gestade nicht bloß ein Gebäude aus toten Steinen ist, sondern ein lebendiges und lebensstiftendes Zuhause. Außerdem ist ihre Präsenz auch ein Hinweis auf die Zusammengehörigkeit von Schöpfungs- und Erlösungsordnung. Die Kirche als Raum des Gottesdienstes ist ein Sinnbild für die durch Jesus Christus ein für allemal geschehene Erlösung. Aber die Erlösung ist nicht vorstellbar ohne die vorrangegangene Schöpfung: dass nämlich Gott jedes lebendige Wesen in das Sein gerufen hat, ganz gleich ob Tier oder Mensch. Jede Kreatur ist in ihrer spezifischen Eigenart ein Lobpreis auf Gott, den Schöpfer. Bei solch edlen Tieren wie den Turmfalken wird dies in besonderer Weise deutlich.
In Maria am Gestade freuen wir uns jedenfalls, dass unsere Kirche nicht nur von hohem religiösen und kunsthistorischen Interesse ist, sondern dass durch die Turmfalken auch noch eine ganz andere und ungewöhnliche Perspektive auf das Gotteshaus möglich wurde. Zugleich ist die Beteiligung an dem Projekt von Petra Sumasgutner eine der vielen kleinen Möglichkeiten, die sich immer wieder ergeben und die man auch aufgreifen sollte, wenn sie sich ergeben, nämlich den Gesprächsfaden zwischen Kirche bzw. Theologie auf der einen Seite und Naturwissenschaften auf der anderen Seite nicht abreißen zu lassen, sondern enger zu knüpfen. So können beide Seiten einander auf einer ganz menschlichen Basis und sehr praktisch besser kennenlernen. Wie die Wiener Feuerwehr der Biologin hilfreich zur Seite stand, indem sie eine ihrer ausfahrbaren Leitern zur Verfügung stellte, so war es auch von Seiten unserer Kirche keine Frage, die junge Wissenschaftlerin in ihrem ambitionierten Projekt zu unterstützen.
martin.leitgoeb[at]cssr.at



